Wo ist der Lehrer? Informelles Lernen

Stellen Sie sich vor, Sie werden zu einer Weiterbildungsveranstaltung eingeladen, kommen dorthin und finden viele kleine Gruppen von Menschen vor, die diskutieren. Kein Lehrer zu sehen. Dann sind Sie in einem Lernszenario zum informellen Lernen gelandet.

Wie am Handy-Beispiel im Artikel „Informelles Lernen“ gezeigt, werden die Grenzen zwischen Lernenden und Lehrer fließend beim informellen Lernen. Damit ändert sich auch die Rolle des Lehrers / Trainers. In der klassischen Form des angeleiteten Lernens gibt der Lehrer den Inhalt und das Lernziel vor. In gewissen Maße auch die Lerngeschwindigkeit. Beim informellen Lernen ist der Lehrer nur noch der Begleiter des Lernenden.

An folgendem praktischen Beispiel wird die Veränderung deutlich.

Aufgabenstellung: ein Unternehmen, das Schlösser herstellt, will ein neues Produkt in die Serienfertigung übernehmen. Es müssen die erforderlichen Arbeitsplätze ergonomisch eingerichtet werden, die Mitarbeiter sollen im Zusammenbau geschult werden und der Verkauf muss das Produkt kennen lernen.

In den Formen der klassischen Weiterbildung werden nun die Schulungsunterlagen (PowerPoint Dateien, eLearning-Kurse, Videos, etc.) erstellt. Bei der Planung einer Veranstaltung zum informellen Lernen wird die Lernumgebung, das Lernszenario, entworfen.

In diesem Fall ein Lernparcour. In einem Parcour mit verschiedenen Stationen sollen die Mitarbeiter sich die Kenntnisse selbsterarbeiten. Als Ort dient ein breiter Gang vor der Kantine.

Die 1. Station gibt den Überblick warum das Produkt entwickelt wurde und welche Ziele die Unternehmensführung damit verbindet. Da die Veranstaltung nach außen auf den ersten Blick nicht nach Weiterbildung aussieht, steht der Firmenchef an der 1. Station und erläutert anhand einer Infografik die Ziele.

An der 2. Station ist das Endprodukt fertig montiert und eingebaut zu Test. Die Mitarbeiter können sich mit den Möglichkeiten des Produkts, dem Handling beschäftigen. Es wird festgehalten was gut ist, wo das Handling als unpraktisch empfunden wurde, welche Eigenschaften fehlen etc. Dies wird einfach auf vorbereitete Fotos markiert. Die Station wird von einem Entwickler betreut.

In der 3. Station wird eine Komponente zusammengebaut. Hier trennen sich deutlich die Vorgehensweisen der Gruppen. Für jede Station sind max. 30 min vorgesehen und die Gruppen werden im 30 min Takt in den Parcour eingeschleust. Die Zusammensetzung der Gruppen ist im Vorfeld festgelegt worden. An der Station 3 gibt es Gruppen bei denen alle einmal Montieren und Gruppen bei denen nur der handwerklich Geschickteste montiert. Es gibt häufig ein „… das könnten wir doch auch bei … verwenden.“ Oder „..das Werkzeug müsste angepasst werden wie bei…“ Es wird über das Thema des neuen Produkts hinaus gedacht. Es werden Erfahrungen weiter geben. Die Lernenden werden in verschiedenen Fragen zum Lehrenden. Auch hier wird das Ergebnis der Gruppe visuell festgehalten. Die Werkzeuge werden in einer Reihenfolge auf gehangen, die nächste Gruppe kann die Erfahrungen der vorherigen nutzen.

In der 4. Station geht es um die Teile, die aus der eigenen Galvanik kommen. Die Station wird von einem Mitarbeiter der Galvanik betreut. Die 30 min. Diskussionen an dieser Station haben mehr Verständnis für die Notwendigkeiten der Galvanik erzeugt, als ein 3 Tage Workshop zum Thema „Galvanogerechtes Konstruieren“.

Die Beschreibung der weiteren Stationen würde den Artikel sprengen. Das Wesentliche ist auch jetzt schon deutlich geworden.

Die Ressentiments gegen eine solch „formlose“ Veranstaltung waren groß. Umso größere war die positive Überraschung. Nicht nur die am Parcour teilnehmenden Mitarbeiter haben sich Gedanken über das Produkt gemacht, sondern auch viele Mitarbeiter auf dem Weg zur Kantine sind bei der einen oder anderen Gruppe stehen geblieben und haben sich eingebracht. Auch Mitarbeiter, die Weiterbildungsveranstaltungen sonst lieber meiden.

Aber zurück zur Eingangsfrage: wo ist der Lehrer? Nicht mehr Vordergrund sichtbar. Die Hauptaufgabe des Lehrenden ist es, gemäß der Aufgabenstellung, ein Lernszenario, eine Lernumgebung, zu entwickeln, die informelles Lernen zulässt. In der Veranstaltung ist der Lehrenden nicht mehr der Taktgeber sondern Begleiter. Die Führung von Gruppen gewinnt an Bedeutung.

Auch Lehrende sind nur Menschen, daher ist das was auf dem Papier so leicht klingt in der Realität eine gewaltige Umstellung. Daher findet das informelle Lernen in den kleineren Betrieben noch wenig statt. Die großen Unternehmen setzen schneller auf den Wettbewerbsvorteil „lernendes Unternehmen“.

Gerade für die KMUs wären Lernevents in denen die Mitarbeiter ihre Erfahrung einbringen können und auch Erfahrung weitergegeben wird ein wichtiger Meilenstein für die Zukunftsentwicklung des Unternehmens.

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